Mädchen und Frauen sind anders autistisch, so sagt man. Bei ihnen zeigen sich die Merkmale auf eine andere Art als bei Männern, so wird es diskutiert (1) und offenbar sind die Diagnosekriterien (nicht nur) für Autismus auch heute noch auf Jungs und Männer ausgerichtet. Mädchen und besonders erwachsene Frauen scheinen mit den derzeitigen Testungen einfach nicht zuverlässig erkannt zu werden. Sie fallen gewissermaßen durchs Diagnose-Raster, denn sie passen nicht mal dort richtig rein- es ist ein Dilemma! Und kann schwere psychische Folgen haben: häufig werden zunächst Essstörungen oder ADHS bei ihnen diagnostiziert (2) und die Frauen leben größtenteils mit Angstzuständen und Depressionen, denn das berühmte „Maskieren“ – also das Verstecken des Andersseins und die tägliche Anstrengung, sich anzupassen – kostet unendlich viel Kraft (3).
Auch hier auf Different Planet wurde ja schon dazu berichtet (4): Lena, die im Erwachsenenalter diagnostiziert wurde, erzählt von der Befreiung, die sie durch die Diagnose erlebt hat, und wie ihre psychischen Begleiterkrankungen endlich Linderung erfahren haben. Aber: erst die Diagnosen ihrer Kinder brachten die Fachleute auf den Weg, auch Lena auf Autismus zu testen, denn die „subtile und weibliche Art“, mit der Mädchen und Frauen ihren Autismus offenbar häufig nach außen zeigen, wird auch heute noch oft übersehen.
Glücklicherweise mehren sich langsam auch Expert:innen für diese andere Art des sichtbaren und messbaren Teils von Autismus (denn Autismus ist so viel mehr als das, was das Umfeld zu sehen und zu erleben bekommt). Auf dem Weg, diese Expert:innen zu finden, bin ich über ein Buch gestolpert, und das hat mich zu seiner Autorin geführt: Dorothea Whitehead ist Coach für Autismus, Hochbegabung und Hochsensibilität und hat u. a. das schöne Buch „Subtiler weiblicher Autismus. Wegweiser für Mädchen und Frauen“ (5) geschrieben. Das besondere an dem Buch ist: der Fokus liegt auf dem Alltag, auf Lösungen und Unterstützung. Die können wir ja alle gebrauchen, irgendwie.
Bücher wie das von Dorothea Whitehead helfen nicht nur den Betroffenen, sie helfen auch dabei, den „weiblichen Phänotyp“ von Autismus ans Licht zu bringen – und damit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Damit kann vielen langjährigen Leidenswegen mit psychischen Begleiterkrankungen vorgebeugt werden. Auch das hilft den Betroffenen und ihren Familien und Freunden, aber es hilft auch uns allen, denn eine Gesellschaft, in der immer mehr von uns unter psychischen Erkrankungen leiden (6) ist für mich eine bedrückende Vorstellung.
Falls jemand tiefer in das Thema einsteigen möchte, habe ich hier noch zwei wissenschaftliche Interviews, einen Fernsehbeitrag und den Artikel einer Psychologin herausgesucht.
Besonders der Artikel über die Auswirkungen hormoneller Veränderungen macht deutlich, weshalb man einem „Verdacht“, dass man selbst, die eigene Tochter, Schwester oder Freundin autistisch sein könnte, unbedingt nachgehen sollte…
https://www.autismusspektrum.info/post/frauen-im-autismus-spektrum-ein-anderer-ph%C3%A4notyp
https://autismusinfo.com/hormonelle-veraenderungen-bei-autistischen-maedchen-und-frauen/
Frauen mit ASS – Autismus: Drei Frauen erzählen ihre Geschichten – Wissen – SRF
Die Unsichtbaren – Autismus bei Frauen – Mag.a Rita Stangl
Quellennachweise aus dem Text:
(2) Spektrum Kompakt – Autismus-Spektrum-Störungen – Google Books
(3) Depressionen, Angstzustände und Suizidgedanken – Autisten Informieren
(5) https://www.galoxee.com/de/buecher
(6) Psychische Erkrankungen nehmen drastisch zu: Ursachen, Folgen und Lösungen








Es ist erschreckend, wie viele Frauen immer noch durchs Raster fallen, weil die Diagnosekriterien veraltet sind. Das Thema „Masking“ und die psychischen Folgen wie Depressionen sind so wichtig zu beleuchten. Danke für den Buchtipp von Dorothea Whitehead – ein lösungsorientierter Ansatz für den Alltag ist genau das, was viele jetzt brauchen!